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Seite 3 Redaktion

Wie Strenge zur Weltanschauung wird

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Sie waren eine angesehene Esslinger Familie – fest verankert in Gesellschaft, Politik und Kirche. Christian Gottlieb und Johanna Rosina Williardts gehörten zu den VIPs der Neckarstadt. Warum sie auf ihren Porträts aus dem Jahr 1765 trotzdem melancholisch schauen, hat einen Grund.

Malerisch sehen sie nicht aus. Streng, gebieterisch und unnahbar blicken sie auf den Betrachter herab. Humorlos und einschüchternd wirken Christian Gottlieb und Johanna Rosina Williardts auf ihren Porträts. Die Herzen fliegen den so Dargestellten nicht gerade zu. Doch dieser fehlende Symphathiebonus ist gewollt. Zu sehen sind die beiden Gemälde aus dem Jahr 1765 jetzt im Stadtmuseum Gelbes Haus am Esslinger Hafenmarkt.

Johanna Rosina stammte aus gutem Hause. Sie war die Tochter des einflussreichen Theologen Johann Albrecht Bengel, einer führenden Gestalt des schwäbischen Pietismus. Doch die bedeutende Familie hatte auch ihr Päckchen zu tragen: Drei der sechs gemeinsamen Kinder starben, die Ehefrau erkrankte im Jahr 1765, als die Porträts gemalt wurden, schwer.

Nicht nur der Esslinger Porträtist Johann Jacob Ihle hatte ihre beiden Gemälde erschaffen. Auch Religion, Glaube, Weltanschauung und persönliche Lebensmoral hatten mit den Pinsel geführt. Das Ehepaar residierte bis 1873 im Palmschen Stammhaus am Hafenmarkt 1 in Esslingen. Unter Führung der Williardts wurde das Gebäude zu einer einflussreichen „Herberge für viele Kinder Gottes“. Hohe Beamte, Kirchenvertreter und berühmte Persönlichkeiten aus pietistischen Kreisen verkehrten hier. Regelmäßig fanden außerkirchliche Erbauungs- und Bibelstunden statt. Der religiöse Hintergrund spiegelt sich in den Bildern wider.

Sie stecken nach Recherchen von Julia Schierl voller Symbolik. Der Pietismus, „eine bibelzentrierte Erneuerungsbewegung“, spreche aus Gesten, Gesichtern und Gestalt. Persönliche Schicksale als göttliche Prüfungen in der Nachfolge Jesu Christi zu ertragen, war eine der Maximen. Eine solche Haltung liest Schierl aus dem „in die Ferne gerichteten Blick Johannas, ihrer blassen Haut und dem von ihrem Mann abgewandten Blick“ heraus. „Der ernste Blick und die leicht herabgezogenen Mundwinkel sind Ausdruck von Melancholie und religiöser Ernsthaftigkeit, die fest mit dem württembergischen Pietismus verbunden war“.

Johanna Rosina verkörperte Bescheidenheit und christliche Tugendhaftigkeit. Julia Schierl spricht von einer „zurückgenommenen Darstellung“ der Ehefrau. Die schwarze Kleidung, gemildert nur durch weiße Spitzen an den Ärmeln, die Haube und ein schlichtes Schmuckstück am Kragen, ließen sie fast mit dem dunklen Hintergrund verschmelzen. Ganz anders der Ehemann. Bei aller christlich-pietistischen Demut erstrahlt er in höfischer Eleganz – ein Hinweis auf seine hohen politischen Ämter.

Detailliert hat Julia Schierl die beiden sich ergänzenden Gemälde analysiert. Die unter der Weste verborgene rechte Hand des Mannes deutet sie als eine aus der antiken Rhetorik bekannte Geste für Maßhalten und als Zeichen beschiedener Lebensführung. Die Hand Johanna Rosinas in Hüfthöhe mit gespreiztem kleinem Finger und zusammengeführten Mittel- und Ringfingern hält Schierl für einen Hinweis auf die Dreifaltigkeit oder „schlicht als Zeichen der Glaubensbestätigung. Auch die Position ihrer Hand in Hüfthöhe schließt eine Anspielung auf die Seitenwunde Christi nicht aus“.

Porträts wie die der Williardts waren laut Schierl in städtischen Führungskreisen in dieser Zeit sehr beliebt. „Sie dienten vor allem der familiären Erinnerungskultur und wurden häufig zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Jubiläen in Auftrag gegeben“, teilt die Mitarbeiterin der städtischen Museen mit. Der genaue Anlass für den Malauftrag konnte nicht mehr ermittelt werden. Denkbar wäre aber die Erkrankung der Ehefrau. (sw)

 

Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter: www.museen.esslingen.de