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Seite 3 Redaktion

Stirbt der Berkheimer See?

Foto: Roberto Bulgrin

Algenteppiche auf dem Berkheimer See bringen Einwohner und Experten auf den Plan. Sie befürchten ein Fisch- und Pflanzensterben in dem Gewässer. Sie fordern die Stadt Esslingen zum Handeln auf. Doch die Verwaltung spricht von einem „temporären Ereignis“.

 

Horst Müller blutet das Herz. Bereits im September letzten Jahres hatte er den Zustand des Berkheimer Sees bemängelt und die Stadt Esslingen als Eigentümerin zum Handeln aufgefordert. Nun habe sich die Lage verschlimmert, klagt der 84-jährige Ur-Berkheimer und ehemalige ehrenamtliche Seepate. Experten geben ihm recht. Doch die Esslinger Stadtverwaltung spricht von einem vorübergehenden Ereignis.

Der Anblick tut Horst Müller in der Seele weh. Immer wieder schwimmen Algenteppiche über den See in dem Esslinger Stadtteil, sagt er. Mitarbeitende des städtischen Grünflächenamtes würden sie zwar entfernen, doch es käme zu Neubildungen. Mit fatalen Folgen. Stark wuchernde Algen können absterben und zum Gewässerboden sinken, erklären der langjährige Kreisfischereibeauftragte Edward-Errol Jaffke und der in der Aquaristik aktive Horst Bach bei einem Vor-Ort-Besuch des Esslinger Stadtrats Joachim Schmid (SPD) und der Berkheimer Bürgerausschuss-Vorsitzenden Claudia Nikl.

Auf dem Seeboden werden die Algen laut Jaffke von Mikroorganismen zersetzt – ein Prozess, bei dem Sauerstoff verbraucht wird. Das lebenswichtige Gas fehlt. Fische und Pflanzen können sterben: „Der See hat Probleme.“

Denn die Dynamik fehlt. Der Zufluss durch einen Bach und der Ablauf befinden sich auf der gleichen Seeseite, so Jaffke: „Der Rest des Gewässers wird nicht genügend umgewälzt.“ Früher habe eine Fontäne in der Seemitte für mehr Bewegung gesorgt. Doch die wurde laut Horst Müller abgebaut, weil die Stadt einen „naturnahen See“ haben wollte. Bewegung fehlt – Algen können sich leichter ausbreiten, ergänzt Jaffke. Der milde Winter tat ein übriges. Sonnenlicht lasse die Algen gedeihen, Schatten mögen sie nicht. Unwissende würden zudem Brot in den See werfen, so Edward-Errol Jaffke. Auch dadurch steige der Nitratgehalt. Der Nährstoff habe eine Düngerwirkung und fördere das Algenwachstum, sagt der frühere Vorsitzende des Fischereivereins Esslingen: „Der See droht, mittelfristig zu kippen.“ Der Berkheimer See steht also auf der Kippe? Doch es kann aus Jaffkes Sicht etwas dagegen getan werden: Algenteppiche müssten auch bei Neubildungen abgesaugt werden. Helfe das nicht, könne der Zuflussbach geteilt werden: Ein Teil des Wassers sollte weiterhin in den See fließen. Der andere Teil könne mit einer Rohrleitung oben um den See herumgeführt und im unteren Bereich wieder zugeführt werden. Das könne beispielsweise im Zuge einer Sanierung der Gehwege passieren und sorge für mehr Umwälzung. Sollte das nicht fruchten, könne in der Seemitte eine Schwimminsel installiert werden, von der aus Wasser auf den Seeboden zu einem Sprudelstein gepumpt wird. So würde mehr Umwälzung entstehen: „Der See könnte sonst mittelfristig sterben.“

Für die Stadt Esslingen ist er aber sehr lebendig. Vernachlässigt habe sie den einzigen Esslinger Stadtsee nicht. Im Herbst letzten Jahres sei er durch eine beauftragte Firma gepflegt worden, sagt Isabelle Butschek aus dem Büro von Oberbürgermeister Matthias Klopfer: „Im November haben städtische Mitarbeitende den See begutachtet und einen guten Zustand vorgefunden. Das Wasser war klar, und man konnte sogar die Fische sehen.“ Vor acht Jahren sei der See saniert worden, und seither habe sich das natürliche Gleichgewicht gut eingestellt: „Das wollen wir als Stadt selbstverständlich weiter erhalten.“ Algen würden deshalb bei Bedarf auch mehrfach abgesaugt.

Eine Gefahr des „Umkippens“ sieht die Stadtverwaltung nicht. In kleinen Gartenteichen könne das bei starkem Algenwachstum passieren, teilt Isabelle Butschek mit. Doch an einem größeren Gewässer wie dem Berkheimer See sei diese Gefahr kaum gegeben. Denn er werde zusätzlich von sauerstoffhaltigem Quellwasser gespeist. Die hohe Nährstoffkonzentration im Wasser des Sees liege daran, dass sich die Wasserpflanzen noch in Winterruhe befänden. Deshalb finde momentan kein ausreichender Nährstoffentzug statt. Das könne zu einem höheren Stickstoffgehalt führen, wodurch das Algenwachstum weiter gefördert werden könne: „Wir gehen aber davon aus, dass es sich um ein temporäres Ereignis handelt.“

Dennoch möchte die Stadt aktiv werden. Das Grünflächenamt wolle in den nächsten Wochen Unterwasserpflanzen wie Hornblatt und zwei Körbe Seerosen einsetzen. Sie sollen bei der Regulierung des Nährstoffgehalts helfen: „Auch der Fischereiverein, der Inhaber der Fischereipacht für den See ist, wird kontrollieren, ob eventuell auch ein zu hoher Fischbesatz zu einem Nährstoffanstieg geführt hat.“ Ein zusätzlicher Quellzulauf – ähnlich wie von Edward-Errol Jaffke vorgeschlagen – soll „bei Gelegenheit“ im Norden des Sees installiert werden, um für mehr Bewegung zu sorgen, sagt Isabelle Butschek. „Dazu wird die bestehende Leitung oberhalb des Sees geteilt, um einen Teil des Wassers im nördlichen Teil des Sees einlaufen zu lassen. Der zusätzliche Wasserzulauf soll für eine bessere Durchströmung sorgen.“ (sw)