Foto: Michael Saile
Es sorgte für Globalität, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab: Das Buch „Heilige Ceremonien“ aus dem Besitz der Esslinger Kirchenbibliothek nimmt seine Leser mit auf eine mentale Weltreise und lässt sie auch immer wieder erschauern.
Die große weite Welt wurde hier zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Durch die Seiten weht sanft ein Hauch von Exotik. Erschauern kann der Leser auch. Und es gibt Bilder, in denen sich der Betrachter angesichts ihrer überschäumenden Opulenz, ihrer Personenfülle, ihrem detaillierten Gestaltungsreichtum verlieren kann. Mit ihren „Heiligen Ceremonien“ haben der Illustrator Bernard Picart und der Herausgeber Jean Frédéric Bernard in den Jahren 1722 und 1723 ein globales Werke über religiöse Bräuche geschaffen, lange bevor es den Begriff „Globalität“ überhaupt gab. Die überarbeitete, 1744 erschienene Neuauflage ihres Buches ist ab Dienstag, 3. Dezember, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt zu sehen. Der gedruckte Schatz stammt aus den Beständen der Esslinger Kirchenbibliothek, die in der Stadtkirche St. Dionys untergebracht ist.
Gruselndes Erschrecken beim Durchblättern des Werks hatten die Schöpfer der „Heiligen Ceremonien Gottes- und Götzendienste aller Völker der Welt“ wohl miteinkalkuliert. Die in dem Buch beschriebenen Bußriten und Strafen seien von „befremdlicher Grausamkeit“, sagt Albrecht Braun, der Kustos der Kirchenbibliothek: „Andererseits ermöglichen die zahlreichen Illustrationen einen verständnisvollen Einblick in fremde Lebensformen.“ Der Kupferstecher Bernard Picart habe wohl in einigen Fällen authentische Quellen wie grafische oder gegenständliche Vorlagen aus Indien, China, Japan oder Mexiko zur Hand gehabt.
Inhalt des Buches sind laut Braun religiöse und gesellschaftliche Gebräuche aus aller Welt. Gottesdienstliche Riten werden dargestellt, aber auch Sitten, die mit den wichtigen Anlässen menschlichen Lebens verbunden sind. Die umfassende und vergleichende Bebilderung sei bemerkenswert, meint Albrecht Braun. Er spricht von einem „epochemachenden Werk“, dessen Darstellungen „trotz des nicht zu übersehenden europäischen Blicks“ lehrreich seien.
Diese Qualitäten des Buches überzeugten auch in Esslingen. Der Kaufpreis des reich illustrierten Druckwerks war nach Angaben von Albrecht Braun zwar hoch, doch in der Esslinger Kirchenbibliothek befinden sich sogar zwei Bände der „Heiligen Ceremonien“. Allerdings ist in der Bücherei in der Stadtkirche nicht das Originalwerk von 1722/1723 zu finden, sondern die Neuauflage von 1744. Sie sei wohl zeitnah nach ihrem Erscheinen angeschafft worden, vermutet Albrecht Braun: „Unter Verwendung von Vorsatzblättern aus zeitgenössischer Produktion wurde sie vor Ort gebunden.“ Die Neuauflage war laut seinen Recherchen günstiger zu bekommen. Sie wurde in verschiedene Lieferungen unterteilt, die für je anderthalb bis zwei Gulden zu haben waren. (sw)