Foto: Sakis
Umso weniger bekannt eine Komposition – desto größer die Herausforderung an alle Interpreten. So auch bei Scarlattis Johannespassion, die der Oratorien-Verein am Palmsonntag zur Aufführung brachte und eine erfreulich große Zahl von Freunden an oratorisch aufgebauten geistlichen Werken den Weg in die Stadtkirche fanden. Bereits mit der ersten Bewegung des Taktstockes ging ein spürbarer Impuls durch Orchester und Chor, der seine Erfüllung fand in den Emotionen des Eingangschores. Diese Verbindung zwischen Dirigenten und Sängern wurde deutlich in den von Scarlatti bewusst kurzen Stücken, die die Stimmen des Volkes darstellten und ein hohes Maß an Konzentration voraussetzten. Auch die vom Komponisten für die Karwoche geschriebenen Responsorien anstelle von Arien oder Chorälen zeugten von der emotionalen Verbindung des Chores.
Das Konzertgeschehen überträgt sich zwangsläufig auf die Gesangssolisten, die sich mit ihren Rollen identifizieren. In besonderer Weise beeindruckend war dies beim Bassist Volker Spiegel in seiner Rolle als Christus, der mit seiner Stimmgewalt die Kirche bis zum letzten Platz erfüllt hatte. Chor und Orchester taten es ihm gleich und es entstand ein emotionales und zu Herzen gehendes Klangbild, das Ophelia Werner ebenfalls versuchte, auszufüllen. Einzig bei Sarah Hudarew – aus dem Opernmetier kommend wie Scarlatti – als zentraler Rezitatorin ließen Wünsche zutage treten hinsichtlich Tragweite, Stimmvolumen und der Wahl des Standortes. Erwähnt seien auch die drei Chorsolisten mit ihren kurzen und sicheren Soli. Den nach nachklingender emotionaler Stille einsetzenden Beifall nahmen die Aktiven und der Künstlerische Leiter Tobias Flick dankbar entgegen.

