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Seite 3 Redaktion

Partnerschaft über Grenzen hinweg

Foto: Roberto Bulgrin

Ein schwieriger Name – eine gute Freundschaft. Vertreter aus Esslingens polnischer Partnerstadt Piotrków Trybunalski reden über Politik, Donald Tusk und ein Bürokratieproblem.

Dieses Vorhaben würde auch bei deutschen Wählern sehr gut ankommen. Er wolle die Gewohnheiten von Beamten ändern, sagt Juliusz Wiernicki. Denn er setze in seinem Bürokratieapparat auf mehr selbstständiges Denken und Eigeninitiative. Seit Mai ist er der Stadtpräsident und damit Verwaltungschef von Esslingens polnischer Partnerstadt Piotrków Trybunalski mit ihren gut 71 000 Einwohnern. Und mit seinen gerade einmal 32 Jahren ist er der jüngste Inhaber dieses Amtes in seinem Heimatland. Für zwei Tage war er mit seinem Stellvertreter Piotr Kulbat und dem für Städtepartnerschaften zuständigen Marcin Fijalkowski zum Antrittsbesuch in Esslingen.

Der Name der Partnerstadt Piotrków Trybunalski ist für deutsche Zungen schwer auszusprechen. Doch die politischen Botschaften von Juliusz Wiernicki sind klar und unmissverständlich: Bei der Frage, ob seine Wahl überraschend gekommen sei, muss er schmunzeln. Sein Vorgänger war 18 Jahre Stadtpräsident und zuvor stellvertretender Stadtpräsident gewesen, sagt er. Viele junge Leute hätten sich gar keinen anderen Amtsinhaber vorstellen können. Das entspricht in etwa dem deutschen Angela-Merkel-Effekt, ergänzt Katrin Radtke von der Stadt Esslingen, die als „International Relations Officer“ auch für Städtepartnerschaften zuständig ist. Aufgrund von Merkels langer Amtszeit hätten viele, gerade auch junge Bundesbürger vergessen, dass auch ein Mann das Amt des Bundeskanzlers ausüben kann.

Und das ist gerade die Klientel, es sind besonders die jungen Leute, auf die Juliusz Wiernicki setzt. Sie, sagt er, gelte es zu motivieren. Anregungen dafür wollte er sich auch in Esslingen holen. Voller Engagement hat er Vertreter des Esslinger Jugendgemeinderats getroffen und sich über deren Arbeit informieren lassen. Die Vertreter des Nachwuchsparlaments in seiner Heimatstadt, berichtet er, seien gerade im Oktober frisch für insgesamt zwei Jahre gewählt worden. Sein Interesse an dem Gremium sei so groß gewesen, ergänzt Katrin Radtke, dass er um ein Haar seinen Nachfolgetermin verpasst hätte.

 

Aufrütteln der Beamtenschaft

 

Nur für zwei Tage, sagt sie, hätten sich die Vertreter der polnischen Partnerstadt in der Neckarstadt aufgehalten. Am ersten Besuchstag seien sie noch sehr müde gewesen, weil der Flug von Warschau aus sehr früh gestartet sei und sie noch eine weite Anfahrt von Piotrków Trybunalski in die polnische Hauptstadt auf sich nehmen mussten.

Nun aber macht Juliusz Wiernicki einen sehr ausgeschlafenen Eindruck. Für fünf Jahre ist er gewählt – und die möchte der polnische Verwaltungschef nicht nur für ein Aufrütteln seiner Beamtenschaft nutzen. Er stehe ganz klar auf der Seite von Europa-Befürworter und Ministerpräsident Donald Tusk, lässt er über seinen Beauftragten für Städtepartnerschaften verlauten. Marcin Fijalkowski ist studierter Deutschlehrer, beherrscht die Sprache daher sehr gut und kann problemlos als Dolmetscher fungieren.

 

Klares Bekenntnis zu Donald Tusk

 

So übersetzt er auch, dass Juliusz Wiernicki ein Bekenntnis zur Europäischen Union abgibt. Die Bürokratie sei nur ein kleines Minus, die Vorteile auch mit Blick auf die wirtschaftlichen Erfolge würden überwiegen. Wie in vielen europäischen Ländern gebe es auch in Polen Menschen, „die den Blick nach Osten“, hin zu Russland, richten würden. Doch das sei nicht sein politisches Credo. Auch den großen Einfluss der katholischen Kirche in seinem Land sieht er kritisch: Staat und Kirche müssten ganz klar getrennt werden.

Esslingen und Piotrków Trybunalski sind dagegen eng miteinander verbunden. Zwei von Esslingens Partnerstädten, Velenje in Slowenien und Udine in Italien, gehören auch zu den acht Partnerstädten von Piotrków Trybunalski, erzählt Marcin Fijalkowski. Doch dann muss die Delegation aufbrechen. Stadtpräsident Juliusz Wiernicki hat noch einen Termin. Er besucht den Stadtjugendring. Natürlich. Denn die Jugend liegt ihm am Herzen. (sw)