Foto: Petra Weber-Obrock
Reinhold Beck, der Ehrenvorsitzende des Esslinger Naturkundevereins, ist 90 geworden – und brennt nach wie vor für den Naturschutz. Allerdings sieht er ein Dilemma.
Wer denkt, in den Esslinger Weinbergen wüchsen nur Reben und Grasbüschel, irrt gewaltig. Vom Hirtentäschel bis zur Quirligen Borstenhirse gedeihen 39 verschiedene Pflanzenarten zwischen Frauenkirche und Neckarhaldenweg. Bei botanischen Führungen mit Reinhold Beck konnten das Naturfreunde erfahren. Der Ehrenvorsitzende der Esslinger Bezirksgruppe des Naturkundevereins kennt die hiesige Pflanzenwelt wie kein Zweiter. In seiner Publikation „Flora von Esslingen“ hat er alles akribisch bestimmt und katalogisiert. Hinzu kam ein Abgleich mit älteren Forschungsergebnissen. 2017 erhielt er für diese Bestandsaufnahme den ersten Landespreis für Heimatforschung.
Am 5. Dezember feierte Reinhold Beck nun seinen 90. Geburtstag. Er blickt auf ein sinnerfülltes Leben als Lehrer und Naturfreund zurück. „Der Naturschutz hat mich schon immer interessiert“, erzählt er. Das Vorhaben, die Esslinger Pflanzenwelt zu katalogisieren, entstand aus Dringlichkeit: Als das Bahnhofsgelände in der Weststadt bebaut werden sollte, hat Beck zusammen mit dem Naturkundeverein dort 200 bis 300 zum Teil gefährdete Pflanzenarten kartiert, unter ihnen Raritäten wie der Harte Schöterich, der es mit dem Zug vom Baltikum bis nach Esslingen geschafft hatte. Später hat Beck die Pflanzenwelt der gesamten Esslinger Gemarkung systematisch aufgenommen. „Alles in allem hat das sechs Jahre gedauert.“ Eine ähnliche Mammutaufgabe stemmte er mit seinem Buch über „Die Farnpflanzen Südtirols“, das zusammen mit dem Bozener Naturmuseum entstanden ist. „Dafür bin ich in zehn Jahren immer wieder kreuz und quer durch Südtirol gewandert.“
Vor seiner Pensionierung war Beck Lehrer an der Esslinger Schillerschule. Doch bevor er 1963 die Sonderprüfung als Volksschullehrer ablegte, war er zehn Jahre lang bei der Bahnpost beschäftigt. Seine erste Stelle als Lehrer hatte er in Börtlingen im Landkreis Göppingen: Im Klassenraum saßen immer zwei Jahrgangsstufen mit bis zu 52 Kindern. Dass ihr Lehrer sie in allen Fächern unterrichtete, war ganz normal. „Einmal in der Woche gab es ein Diktat, einmal im Monat einen Aufsatz.“ Ebenso selbstverständlich war, dass Beck, der in der Schule „keine Minute Chemie“ hatte, sich in drei Tagen für eine Lehrprobe in diesem Fach vorbereiten musste. „Als Lehrer lernt man unglaublich viel“, sagt er heute.
Später hat er Lehrpläne für Biologie entwickelt, in denen er auf Anschaulichkeit geachtet hat. Seine Schüler beobachteten zum Beispiel Feuersalamander im Hainbachtal. Und mit einer Hauptschulklasse nahm er an einem Wettbewerb für politische Bildung teil, aus dem die Klasse als Bundessieger hervorging. So manches Mal setzte er sich für die Jugendlichen über Grenzen hinweg. Als die Mädchen seiner Klasse wie die Jungen Handball spielen wollten, übernahm er kurzerhand die Rolle des Trainers.
Klar, dass er sich nach seiner Pensionierung nicht zur Ruhe setzte, sondern seiner Leidenschaft für den Naturschutz Raum gab. Er war nicht nur der Vorsitzende des Esslinger Naturkundevereins, sondern bot auch Exkursionen, Touren und Reisen zu bestimmten Themen an. Auch wenn Beck heute keine großen Sprünge mehr macht, begegnet er der Welt mit offenen Augen und teilt nicht nur seine botanischen Erkenntnisse gern mit den Menschen. Auf die Frage, wie es mit dem Naturschutz in Zukunft weitergeht, hat er eine besondere Antwort: „Das menschliche Handeln und der Naturschutz passen eigentlich nicht zusammen.“ Die Landwirte steckten in dem Dilemma, möglichst viel, möglichst billig und gleichzeitig umweltfreundlich produzieren zu sollen. Das sei eine Quadratur des Kreises, aus der ein Ausweg noch gefunden werden müsse. (pwo)