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In den Naturwissenschaften fehlt es an weiblichen Vorbildern

Foto: oh/Lea Theweleit

Obwohl der Frauenanteil in den ingenieurwissenschaftlichen und IT-Studiengängen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, sind Frauen in diesen Bereichen nach wie vor unterrepräsentiert.

Kürzlich hat die Hochschule Esslingen zwei junge Frauen für überragende Leistungen in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen gewürdigt und ihnen gemeinsam mit der Firma EnBW ein Preisgeld verliehen. Mit dieser Ehrung wollen der Energieversorger und die Hochschule Esslingen exzellente Frauen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ins Rampenlicht rücken.

Annalena Gerstlauer ist Studentin im Studiengang Chemieingenieurwesen/Farbe und Lack. Johanna Kuder studiert Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik. Die beiden gehören in ihrem Fächern zu den Besten. Sie wurden für ihre Leistungen und die Ergebnisse in ihren Zwischenprüfungen geehrt. Sie sollen inspirierende Vorbilder in ihren technischen Studienfächern für andere Frauen und Mädchen sein.

 

Frauen sind nicht weniger talentiert als Männer

 

Obwohl der Frauenanteil in den ingenieurwissenschaftlichen und IT-Studiengängen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, sind Frauen in diesen Bereichen nach wie vor unterrepräsentiert. „Wir brauchen Vorbilder, sogenannte Role Models für andere Frauen“, sagt Karin Melzer. Die promovierte Wirtschaftsmathematikerin hat eine Professur im Studiengang Informatik und Informationstechnik an der Hochschule Esslingen und ist Gleichstellungsbeauftragte an der Einrichtung. „Die Gründe für das Defizit sind vielfältig“, sagt Karin Melzer. „Eins ist aber sicher: Es liegt nicht daran, dass Frauen weniger talentiert sind.“ Melzer differenziert unter den einzelnen MINT-Fächern. Durchaus beliebt seien Biologie, Chemie und Medizintechnik. Da ist der Frauenanteil mit fast 40 Prozent durchaus hoch. Anders sieht es aus in Informatik, Elektrotechnik oder Maschinenbau. „Im Jahr 2023 hatten wir weniger als zehn Prozent Frauen in diesen Studiengängen“, nennt Melzer Zahlen.

Als Gründe zur Studienwahl kann sich Melzer die Vorliebe von Frauen vorstellen, aus der Schule bekannte Fächer wie Mathematik, Chemie, Biologie oder Physik zu studieren und Unbekanntes eher zu vermeiden. Sie, die Wirtschaftsmathematik studiert hat, hat eine reine Mädchenschule besucht, Konkurrenz oder eine Abgrenzung zum Lernverhalten von Jungen habe es daher nicht gegeben. Sie sieht auch ein gesellschaftliches Defizit: „Das Klischee, dass Mädchen für Naturwissenschaften weniger begabt seien als Jungen, besteht immer noch.“ Überdies fehlten weibliche Vorbilder in Forschung und Lehre: Es gibt wenig weibliche Fachkräfte und Professorinnen in MINT-Fächern. Melzer: „Im Wintersemester 2024/25 gibt es im MINT-Bereich der Hochschule 23 Professorinnen unter den insgesamt 180 Professoren. Das sind gerade mal 12,8 Prozent.“

Die Hochschule ebnet auf unterschiedliche Weise Frauen den Weg in MINT-Berufe. „Wir setzen bei Mädchen an“, berichtet Karin Melzer. Mit Camps, Workshops, Girls‘ Days, Schülerinnenpraktika und Studieninfotagen sollen Mädchen an Natur- und Technikwissenschaften und die damit verbundenen Berufe herangeführt werden. Ebenso unterstützt die Hochschule das sogenannte Femtec-Programm, ein Netzwerk für Frauen in MINT-Berufen. Und mit Preisverleihungen sollen herausragende Leistungen von Frauen in MINT-Studiengängen sichtbar gemacht werden.

 

Die Förderung von Mädchen beginnt in der Schule

 

Mit dem Energieversorger EnBW verbindet die Hochschule Esslingen nicht nur der Einsatz für die Chancengleichheit von Frauen und Männern. Auch die EnBW unterstützt das Femtec-Programm, gestaltet mit der Hochschule die Preisverleihungen und engagiert sich in Projekten und Initiativen, um Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen zu stärken. „Bei Schulprojekten achten wir darauf, dass mindestens 50 Prozent Mädchen unter den Teilnehmenden sind“, erklärt Caroline Miller, Pressesprecherin für Personalthemen bei EnBW. Und in diesem Jahr arbeiteten beispielsweise Femtec-Stipendiatinnen gemeinsam mit EnBW-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an einem Innovationsprojekt im Wind-Offshore-Bereich. Für den Energieversorger bedeuten mehr naturwissenschaftlich ausgebildete Frauen auch dem Fachkräftemangel begegnen zu können. „Im Allgemeinen sind wir mit flexiblen Arbeitszeitmodellen sowie Mentoring- und Entwicklungsprogrammen ein attraktiver Arbeitgeber für Frauen“, betont Miller.

Für die Preisträgerinnen ist die Auszeichnung eine besondere Anerkennung. „Der Preis ist für mich auch Motivation, meinen Weg weiterzugehen“, sagt Annalena Gerstlauer. Auch Johanna Kuder sieht die Ehrung als Bestärkung: „Der Preis gibt mir Selbstvertrauen und zeigt mir: Ich kann das schaffen“, sagt sie. (bs)

 

Was die Statistik sagt

 

Deutschland
Frauen sind in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) weiterhin unterrepräsentiert. Im Jahr 2023 lag der Frauenanteil in diesen Bereichen bei etwa 17 bis 20 Prozent in Deutschland. Besonders in Ingenieurwissenschaften und IT-Berufen bleibt der Anteil niedrig, während Fächer wie Biologie und Chemie vergleichsweise mehr Frauen anziehen, teils mehr als 40 Prozent in diesen Studiengängen sind Frauen.

Europa
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei Frauen in Wissenschaft und Ingenieurwesen mit einem Anteil von 33,3 Prozent abgeschlagen auf dem drittletzten Platz. Vorne liegen die Länder Norwegen (55,1 Prozent), Litauen (55,0 Prozent), Dänemark (51,7 Prozent), Spanien (49,3), Polen (48,1 Prozent).