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“Ich würde alles verlieren, woran ich hier gearbeitet habe”

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Über sie wird derzeit viel gesprochen: Junge Männer stehen im Mittelpunkt der Debatten rund um Migration und Abschiebungen. Wie blicken sie selbst auf die politische Situation in Deutschland? Geflüchtete aus Esslingen erzählen von ihren Hoffnungen und Sorgen.

Die politische Debatte um das Thema Migration schwelt seit Jahren. Im Bundestagswahlkampf hat sie sich nun noch einmal zugespitzt. Eine Gruppe steht besonders im Mittelpunkt: junge, geflüchtete Männer. Häufig sind sie – implizit oder explizit – gemeint, wenn Forderungen nach verschärften Abschieberegelungen aufkommen. Was macht das mit denjenigen, über die dabei gesprochen wird? 

Mehrere junge Männer, die in Esslingen die Treffen des Integrationsprojekts Yalla Salim besuchen, haben sich zu diesen Fragen geäußert. Der 19-jährige Rahmatullah Zadran stellt zunächst klar: „Ich fühle mich wohl in Deutschland, weil ich hier eine Wohnung habe und in der Schule lernen kann.“ Der Afghane hat aufgrund des Krieges sein Heimatland verlassen und lebt mit einer Aufenthaltsgestattung in Esslingen. Sein Plan ist, eine Ausbildung im Sanitärbereich zu absolvieren. Mit Blick auf den derzeitigen politischen Diskurs fügt er jedoch hinzu: „Es ist schwierig, motiviert zu bleiben, wenn man sich viele Gedanken um eine mögliche Abschiebung macht.“

 

Auch der aus der Türkei stammende Ressul Saruhan lobt einerseits „die vielen Bildungsmöglichkeiten für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft“ in der neuen Heimat. Er wolle hier arbeiten, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Deshalb fürchte sich der 24-Jährige davor, Deutschland wieder verlassen zu müssen. „Dann würde ich alles verlieren, woran ich hier gearbeitet habe.“

Und der 19-jährige Argash Ismail, der aus den kurdischen Gebieten in Syrien nach Esslingen gekommen ist, sagt: „Wenn Politiker oft über Abschiebungen sprechen und betonen, dass Menschen wie ich nicht erwünscht seien, fühle ich mich unsicher und habe Angst um meine Zukunft.“

 

Alexandra Vogel kennt solche Sorgen gut. Die Betreuerin von „Yalla Salim“ arbeitet seit zehn Jahren mit jungen, geflüchteten Männern und sagt: „Die Geflüchteten bekommen auf jeden Fall mit, dass immer häufiger über sie gesprochen wird.“ Als Informationsquelle dienten ihnen überwiegend die sozialen Medien. „Wer dort unterwegs ist, merkt zwangsläufig, dass sich das politische Klima verändert hat“, sagt die 33-Jährige.

 

Für die Geflüchteten sei es enorm schwierig, sich nach häufig traumatischen Erlebnissen im Herkunftsland und auf der Flucht in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Dennoch überwiegt Vogel zufolge bei der Ankunft meist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Ich will für mich und auch für Deutschland gute Sachen machen“, sagt beispielsweise Zadran.

 

Je länger sich behördliche Prozesse wie das Bearbeiten des Asylantrags oder die Entscheidung über eine Arbeitserlaubnis hinzögen, desto schwieriger werde es jedoch, die eigene Motivation aufrechtzuerhalten, erklärt Vogel. Auch die Bezahlkarte für soziale Leistungen, die der Landkreis Esslingen ab März ausgibt, sorge für Verunsicherung. Vogel fasst den Gesamteindruck so zusammen: „Viele sehen das schon als Signal, dass sie hier nicht so willkommen sind.“

Zumal häufig Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus im Alltag hinzukämen. Zadran erzählt: „Einmal bin ich einfach die Straße entlang gelaufen und ein Mann hat mir gegen die Schulter geschlagen.“ Außerdem fehlt es den Männern laut Vogel an Kontakt zu anderen Menschen. Sie stelle bei ihnen ein großes Bedürfnis fest, sich mit Nicht-Geflüchteten auszutauschen, um von ihnen zu lernen und gleichzeitig eigene Erfahrungen weiterzugeben. Dazu komme es jedoch selten, aufgrund fehlenden Interesses der Nicht-Geflüchteten und der Sprachbarriere.

 

Vogel sagt über das Resultat: „Wenn das Vertrauen in die Menschen und die Strukturen hier schwindet, führt das oft zum Rückzug.“ Viele der jungen Geflüchteten seien irgendwann sozial isoliert. Das wiederum verkompliziere die Integration – ein Teufelskreis.

 

In dieser Lage seien Nachrichten wie die von der Gewalttat in Aschaffenburg oder München für die Männer ein schwerer Schlag. „Sie wissen, dass es für sie nach solchen Ereignissen noch schwerer wird“, sagt Vogel. Dass Geflüchtete häufig im Zusammenhang mit Straffälligkeit erwähnt werden, belaste die Männer. Ismail sagt über Abschiebungsforderungen: „Ich bin dankbar für den Schutz, den ich hier finde, aber solche Worte lassen mich oft an meinem Platz in dieser Gesellschaft zweifeln.“ Er äußert deshalb einen Wunsch: „Es wäre gut, wenn Politiker mehr über Integration und Unterstützung sprechen würden, damit sich alle hier im Land sicherer fühlen können.“

 

Träger von „Yalla Salim“ ist der Esslinger Stadtjugendring. Ursprünglich sollten mit dem Projekt straffällige sowie durch Alkohol- und Drogenkonsum aufgefallene Männer unterstützt werden. Inzwischen richtet es sich allerdings an alle Geflüchtete, die mit sozialer Isolation zu kämpfen haben. Alexandra Vogel und ein weiterer Sozialarbeiter beraten die Männer bei Bewerbungen und Behördengängen, organisieren für sie aber auch Freizeitaktivitäten wie Billardrunden und Tanzabende. (vs)