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Die „Eschenau“, 1896 in der Maschinenfabrik Esslingen gebaut, ist eine Besucherattraktion im Mannheimer Technoseum. Sie wurde zwei Jahre lang restauriert und fährt nun wieder – in historisch korrekter Lackierung.
Zischend, pfeifend und dampfend setzen sich 45 Tonnen Gewicht in Bewegung. Trotz ihrer 200 Pferdestärken wälzt sich die „Eschenau“ nur gemächlich ins Freie. Dabei hat sie gar nicht viel zu ziehen. In den kleinen Waggon, der ihr angehängt ist, passen gerade mal 20 bis 30 Passagiere. Doch die Lokomotive ist schließlich eine betagte Dame, erbaut wurde sie 1896 in der Maschinenfabrik Esslingen.
Das Werksgelände in Mettingen war nach dem Zweiten Weltkrieg auch ihr letztes Einsatzgebiet, bis die Tenderlok mit der Fabriknummer 2792 im Jahr 1962 ausgemustert wurde. Sie diente fortan als Ausstellungsobjekt und fand als Denkmal für die Lokomotivbautradition der Stadt von 1977 an einen Platz beim Esslinger Bahnhof. In den 1980er Jahren kam die „Eschenau“ schließlich nach Mannheim, wo sich das Technoseum, das Landesmuseum für Technik und Arbeit, gerade im Aufbau befand.
Dort ist die württembergische T3-Lokomotive mit dem badischen Dritte-Klasse-Wagen von 1887 längst zu einer beliebten Attraktion geworden – auf die kleine und große Besucher in den vergangenen zwei Jahren allerdings verzichten mussten. Wegen eines defekten Kessels ist die Lok Ende 2022 außer Dienst gestellt worden. Jetzt, nach einer umfangreichen Restaurierung, ist sie wieder täglich im Vorführbetrieb unterwegs auf der gut 300 Meter langen Gleisstrecke zwischen Museumsbau und Park. Und zwar nicht nur mit einem neuen Kessel, sondern auch in neuem Gewand: „Die Lok wurde wieder so hergestellt, wie sie 1896 in Esslingen auf die Gleise gesetzt wurde“, hebt Alexander Sigelen, der Leiter der Sammlungsabteilung des Technoseums, hervor.
„Die Restaurierungsarbeiten der vergangenen zwei Jahre boten uns die einmalige Chance, die Betriebssicherheit der ‚Eschenau‘ endlich mit historischer Authentizität zusammenzubringen“, sagt Sigelen. Denn als man sich ihrer in den 80er Jahren angenommen hatte, sei es vor allem darum gegangen, die Lok bis zur Museumseröffnung 1990 wieder betriebsfähig zu machen. Sie wurde instandgesetzt und auf Speicherdampf umgerüstet – aus feuerrechtlichen Gründen wird keine Kohle mehr verbrannt. Für den Druck im Kessel sorgt stattdessen ein Dampferzeuger im Keller des Museums.
Nach mehr als 30 Jahren im Dauereinsatz war der Kessel der Lokomotive jedoch verschlissen. „Wir haben uns dann recht bald dazu entschieden, den Kessel komplett auszutauschen, anstatt ihn nur zu flicken. Dies ist zwar aufwendiger, aber auch nachhaltiger“, erläutert der für Schienenfahrzeuge zuständige Restaurator des Technoseums, Günther Theis.
Hierfür musste die Lok bis auf das Fahrgestell auseinander gebaut werden – und die Zeit bis zum Einbau des neuen Kessels wollte man nutzen. Das Restaurierungsteam arbeitete daher nicht nur das Fahrwerk auf. Es stellte auch die bisher fehlende ursprüngliche Beschilderung sowie andere Details – etwa den Wasserstandsanzeiger, Schmiergefäße und die Signaleinrichtung – wieder her. Zudem wurde der Farbton des originalen Anstrichs aus der Zeit um 1900 rekonstruiert.
Seit einiger Zeit war im Museum bekannt, dass die bisherige grasgrüne Farbe der Lok nicht dem historischen Erscheinungsbild entsprach. Die „eiserne Lady“ hatte im Lauf der Jahrzehnte offenbar häufig ihr Kleid gewechselt – als sie in Esslingen stand, trug sie beispielsweise überwiegend Schwarz. Doch wie sah sie ursprünglich aus?
Um das herauszufinden, wälzte Günther Theis Fachbücher, sichtete alte Fotos in Archiven und untersuchte gründlich die Substanz der „Eschenau“. Fündig wurde er am Führerstand, wo er die unterste von zehn Lackschichten freilegen und auf dieser Grundlage den Farbton anmischen lassen konnte, in dem die Lok in ihren Anfangsjahren lackiert war.
Den hat sie jetzt wieder: Führerstand und Kessel präsentieren sich in einem gedeckten Grau-Grün, Rauchkammer, Schornstein und Dach in tiefem Schwarz. Auch der rote Farbton des Fahrwerks wurde nach einem Modell im Deutschen Museum in München extra nachgemischt und neu lackiert.
Rund 150 000 Euro hat das Projekt gekostet – die Sachleistungen befreundeter Betriebe und die unzähligen Arbeitsstunden von zahlreichen Ehrenamtlichen nicht eingerechnet. „Ohne diese Unterstützung wäre die Restaurierung der Lok schlichtweg nicht möglich gewesen“, betont Theis. Doch die Arbeit habe sich gelohnt: Jetzt sei die „Eschenau“ betrieblich fast wie neu und könne die nächsten 30 Jahre lang fahren, sagt der Restaurator voller Stolz.
Fahrzeug
Die „Eschenau“ wurde für die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen gebaut. Von den Dampfloks Baureihe T 3 wurden zwischen 1891 und 1913 insgesamt 110 Exemplare fertiggestellt. Vier existieren bis heute, von ihnen ist das im Mannheimer Technoseum das älteste.
Einsatzgebiet
Zu Beginn ihrer Dienstzeit war die „Eschenau“ für die württembergische Staatsbahnen bei Heilbronn im Einsatz, auf Nebenstrecken sowie später häufig auch als Rangierlok. Zwischen 1926 und 1945 rollte sie als Lokomotive Nr. 2 der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft für die Teuringertalbahn in Friedrichshafen. Dann erwarb sie der Hersteller, die Maschinenfabrik Esslingen, und setzte sie bis 1962 als Werkslokomotive ein. Seit 1990 ist sie rollendes Technikdenkmal in Mannheim.
Museumsbahn
Jetzt ist die „Eschenau“ wieder im Regelbetrieb unterwegs – obwohl sie Tempo 45 schaffen kann, fährt sie auf der Angaben des Museums kürzesten Eisenbahnstrecke Deutschlands mit 15 Stundenkilometern. Die Abfahrt ist jeweils um 11 und 12 Uhr sowie um 14, 15 und 16 Uhr vom historischen Bahnhof des Technoseums auf Ebene E. Eine Fahrt dauert etwa 20 bis 25 Minuten und ist im Eintrittspreis für das Museum enthalten. Fahrkarten gibt es an der Kasse. (eh)