Foto: Gaby Weiß
Eine gute Nachbarschaft: Die Seniorinnen und Senioren in einem Haus in Esslingens Breslauer Straße sind füreinander da – wie schon seit vielen Jahren. Für ihre Familien ist das eine große Beruhigung.
Darüber, dass in Deutschlands Nachbarschaften genörgelt und gezankt wird und dass nicht wenige Streitereien aus dem Treppenhaus in den Gerichtssaal verlagert werden, können die sechs Seniorinnen und Senioren aus einer Hausgemeinschaft in der Esslinger Breslauer Straße nur den Kopf schütteln: Sie kommen bestens miteinander aus, und sie sind sich einig, dass solch ein gutnachbarschaftliches Verhältnis viel zu Lebensqualität und Wohlbefinden beiträgt. „Wenn man freundlich zueinander ist, sich mit einem Lächeln grüßt und gegenseitig aufeinander Rücksicht nimmt, lebt man gut zusammen“, betont der 89-jährige Armin Weis. Ein respektvoller, toleranter Umgang miteinander sei der Schlüssel zum nachbarlichen Frieden in dem Mietshaus der Baugenossenschaft Esslingen, in dem zehn Partien miteinander leben. 1968 sind die Familien Posset, Weis und Bäurle ins Haus eingezogen. „Unsere Tochter hatte mal starkes Nasenbluten, da habe ich in meiner Not bei Jutta Bäurle geläutet, und die hat ihr geholfen“, erinnert sich die 85-jährige Erika Posset ans Kennenlernen.
Hier ist man füreinander da: Wer beim sonntäglichen Kuchenbacken merkt, dass er keinen Zucker mehr im Haus hat, borgt welchen bei der Nachbarin. Man leiht sich gegenseitig Werkzeug aus. Die 85-jährige Jutta Bäurle kümmerte sich zuverlässig um Pflanzen, Post und Wohnung, wenn Familie Weis im spanischen Ferienhaus war. Man nimmt Päckchen und Pakete füreinander in Empfang und trägt auch schon mal für den anderen Flaschen oder Einkäufe nach oben. Eine mittlerweile verstorbene Mitbewohnerin habe eine Zeit lang Jutta Bäurles Kinder gehütet. Jutta Bäurle selbst wiederum sei ab und zu mit dem Hund einer Familie aus dem Haus Gassi gegangen.
„Wenn Not am Mann ist, sind wir da. Man weiß, zu wem man gehen kann, wenn irgendetwas ist“, erklärt Erika Posset. Dieses Netz gibt ihnen Sicherheit. Sie haben sich gegenseitig ihre Wohnungsschlüssel anvertraut. „Es kann ja auch mal jemand stürzen und nicht mehr allein auf die Füße kommen“, gibt die 89-jährige Elisabeth Weis zu bedenken. „Das beruhigt auch unsere Kinder. Sie wissen, dass wir nach einander schauen“, erzählt Erika Posset. Diese sozialen Kontakte helfen – auch in schwierigen Zeiten: Als Jutta Bäurles Mann nach langer Krankheit starb, als Erika Posset einige Zeit aus gesundheitlichen Gründen das Haus nicht verlassen konnte, als Armin Weis ins Krankenhaus musste. „Man steht sich bei. Im Alter weiß man das noch mehr zu schätzen“, ist Armin Weis dankbar für den Zusammenhalt.
Dabei lassen die sechs Senioren nichts auf die übrigen Mietparteien im Haus kommen. Während der Pandemie ging eine Mitbewohnerin für die anderen einkaufen. „Die Jüngeren fragen regelmäßig: Können wir etwas für Sie mitbringen? Und sie bieten an: Läuten Sie bei mir, wenn ich etwas helfen kann oder mal etwas Schweres tragen soll“, erzählt Erika Posset.
Man trifft sich zufällig – unter der Haustür, im Treppenhaus, vor der Wohnungstür oder im Keller. Dabei passiert es schon mal, dass Jutta Bäurle und Erika Posset beim Plaudern die Zeit vergessen. Jutta Bäurle und die 89-jährige Helga Mettenleiter teilen die Leidenschaft fürs Nähen. So entstand erst kürzlich eine riesige Patchworkdecke für einen Pferderücken. „Helga näht, häkelt und strickt, sie kann malen, sie backt gern“, ist der 84-jährige Helmut Posset voll des Lobes für die Nachbarin. Und natürlich wird in der Runde auch gemeinsam gefeiert: Sie treffen sich mal zu Kaffee und Kuchen, auf ein Viertele oder ein Glas Sekt. Aus Anlass der goldenen Hochzeit von Familie Bäurle gab es im Treppenhaus Würstle und Kartoffelsalat für alle.
Während sonst das Gespräch älterer Herrschaften oft in erster Linie um das Thema „Krankheiten“ kreist, weiß sich das Seniorensextett auch anderweitig zu unterhalten. „Wir finden immer etwas zu reden“, sagt Helga Mettenleiter. „Wir streiten nicht miteinander. Ich wüsste gar nicht, worüber. Wir haben andere Sachen zum Schwätzen“, erzählt Helmut Posset. Weshalb das nachbarschaftliche Tür-an-Tür bei ihnen so gut funktioniert, darüber kann er nur mutmaßen: „Das liegt vermutlich an den einzelnen Charakteren. Wir vertragen uns. Und anderswo gibt es halt auch widerspenstige Leute, mit denen niemand gut auskommt.“ Gute Nachbarschaft hin oder her – in der Runde rückt man sich aber auch nicht auf die Pelle: „Wir hocken nicht ständig zusammen“, betont Armin Weis die gelungene Mischung aus Nähe und Distanz. Dass eine gute nachbarschaftliche Beziehung kein Selbstläufer ist, sondern gepflegt und wertgeschätzt werden muss, darüber sind sie sich einig.
„Wir treffen uns bisher immer nur spontan. Aber vielleicht sollten wir uns ab jetzt wirklich einmal im Monat hier bei mir zum Kaffee zusammensetzen“, schlägt Jutta Bäurle vor.