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Im letzten Beitrag unseres Chores vor einer Woche hatten wir auf den Skandal um Maurice Ravels Komposition „L’Aurore“ (Sonnenaufgang) im Jahr 1905 hingewiesen, der auch als „Ravel-Affäre“ bezeichnet wird. Der Eklat in der französischen Musikwelt war so groß, dass er eine ganze Debatte über den angesehenen „Prix de Rome“ auslöste. Für einen jungen Künstler unter 30 Jahren war dieser Preis und ist es auch noch heute das Begehrenswerteste, was er sich wünschen konnte, denn er war verbunden mit einem mehrjährigen Studienaufenthalt in der Villa Medici in Rom. Er führte schließlich zum Rücktritt des Direktors des Conservatoire de Paris, aber da war das Porzellan schon zerschlagen und die Musikwelt in der Stadt der spektakulären Weltausstellungen bereits gespalten.
Man stelle sich vor, eine Jury würde heute einem jungen Komponisten, der sich bereits mehrfach einen Namen gemacht hat, Satzfehler vorwerfen – also z.B. Quintparallelen, deren Existenz in einer anderen Zeit zuhause war. Ravels Werke faszinieren und überzeugen durch raffinierte Klangfarben der Harmonik, kreative Rhythmen und überhaupt neue phantasievolle Ideen. „Was nicht leicht von der Form abweicht, entbehrt des Anreizes für das Gefühl – daraus folgt, daß die Unregelmäßigkeit, das heißt das Unerwartete, Überraschende, Frappierende einen wesentlichen und charakteristischen Teil der Schönheit ausmacht.“ So umriss der Komponist selbst sein Denken. Da hatte kein Beckmesser etwas zu suchen. Freilich – auch das „Unerwartete, Überraschende“ muss minutiös geplant sein. Deswegen ist Ravels „Sonnenaufgang“ im morgendlichen Lichte von Haydns Schöpfung am 21. Juni um 19 Uhr in der Esslinger Frauenkirche so ein genialer Schachzug.

